Der indische Premierminister Narendra Modi hat den europäischen Teil seiner offiziellen Reise in Den Haag begonnen. Zum Auftakt traf er dort das niederländische Königspaar und mehrere Spitzenvertreter der niederländischen Wirtschaft. Modi ist derzeit auf einer sechstägigen Reise durch den Nahen Osten und Europa, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten begann. Später will er Schweden, Norwegen und Italien besuchen und dort zahlreiche Spitzenpolitikerinnen und -politiker treffen, unter ihnen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Am Samstag traf Modi im Palast Huis ten Bosch König Willem-Alexander und Königin Máxima der Niederlande. Die Begegnung dauerte etwa eine Stunde und umfasste Gespräche über die bilateralen Beziehungen. Zudem kam Modi mit seinem niederländischen Amtskollegen Rob Jetten zusammen. Themen waren unter anderem Verteidigung, Sicherheit, Innovation und Energie. Beide Länder haben ein wachsendes Interesse an Zusammenarbeit in Hochtechnologie und grüner Energie.
Bei einem Treffen mit Mitgliedern der indischen Gemeinschaft in Den Haag lobte Modi zuvor die wachsenden Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen Indien und den Niederlanden. Er hob Technologie und Innovation als neue Schwerpunkte hervor. Die Niederlande sind ein wichtiger Handelspartner Indiens, mit einem bilateralen Handelsvolumen von 27,8 Milliarden US-Dollar im Zeitraum 2024/25. Indien exportiert vor allem Textilien, Chemikalien und IT-Dienstleistungen, während die Niederlande Maschinen, Elektronik und Agrarprodukte liefern.
Die Reise Modis ist von strategischer Bedeutung für Indiens Außenpolitik, da sie die wachsende Rolle des Landes in globalen Lieferketten und Technologiepartnerschaften unterstreicht. Indien hat sich als attraktiver Standort für ausländische Direktinvestitionen positioniert, insbesondere in den Bereichen digitale Infrastruktur und erneuerbare Energien. Die Niederlande sind dabei ein Tor zum europäischen Markt, mit einem starken Logistik- und Handelsnetzwerk.
In der dritten Etappe der Reise trifft Modi den schwedischen Regierungschef Ulf Kristersson. Laut indischem Außenministerium wollen sie dort „die gesamte Bandbreite der bilateralen Beziehungen“ überprüfen. Beide wollen in Schweden außerdem gemeinsam mit von der Leyen beim European Round Table for Industry auftreten. Dieses Forum bringt führende Unternehmen und politische Entscheidungsträger zusammen, um Industrie- und Technologiepolitik zu diskutieren. Indien und die EU haben kürzlich die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen erfolgreich abgeschlossen, das Zölle und Bürokratie abbauen soll. Die EU hofft, so den Handel zu erleichtern und Verbraucherinnen und Verbrauchern Vorteile zu bringen.
Von Schweden reist Modi weiter nach Oslo zum dritten Indien-Nordländer-Gipfel. Dort will er die Staats- und Regierungschefs von Norwegen, Schweden, Dänemark, Finnland und Island treffen. Im Mittelpunkt stehen laut indischem Außenministerium die Zusammenarbeit bei Technologie, erneuerbaren Energien, Verteidigung, Raumfahrt und im arktischen Raum. Der arktische Raum gewinnt an strategischer Bedeutung aufgrund der schmelzenden Eiskappen und neuer Seewege. Indien hat ein Interesse an wissenschaftlicher Forschung in der Arktis und an der Kooperation bei Wetterbeobachtung und Telekommunikation.
Modis Reise endet am 20. Mai in Italien mit einem Besuch bei der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Im Jahr 2024 vereinbarten Modi und Meloni einen „Gemeinsamen Strategischen Aktionsplan“. Sie wollen die Zusammenarbeit in mehreren Bereichen ausbauen, darunter Sicherheit und Verteidigung, und „sichere und legale Migrationswege“ fördern. Italien ist ein wichtiger Partner für Indien im Mittelmeerraum, mit wachsenden Handelsbeziehungen und gemeinsamen Initiativen in der Cybersicherheit.
Indien und die Europäische Union haben ihre Beziehungen in den letzten Jahren intensiviert. Der EU-Indien-Gipfel im Januar 2025 war ein Meilenstein, bei dem ein umfassendes Freihandelsabkommen unterzeichnet wurde. Das Abkommen soll den bilateralen Handel von derzeit rund 120 Milliarden Euro auf über 200 Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren steigern. Es umfasst auch Bestimmungen zu geografischen Angaben, digitalem Handel und nachhaltigen Lieferketten.
Die gegenwärtige Reise Modis erfolgt vor dem Hintergrund des wachsenden Einflusses Indiens in der globalen Wirtschaft. Das Land hat eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt mit einem BIP-Wachstum von über 7 Prozent im Jahr 2024. Indien profitiert von dem Trend zur Diversifizierung globaler Lieferketten, da Unternehmen ihre Abhängigkeit von China reduzieren möchten. Modi nutzt solche internationalen Reisen, um Investitionen anzuziehen und die Position Indiens als verlässlichen Partner zu stärken.
Die Niederlande waren ein früher Unterstützer der „Make in India“-Initiative und haben mehrere niederländische Unternehmen, die in Indien investieren, darunter Philips, Shell und Unilever. Umgekehrt haben indische Unternehmen wie Tata Consultancy Services und Mahindra & Mahindra bedeutende Niederlassungen in den Niederlanden. Die bilateralen Beziehungen erstrecken sich auch auf den Wasser- und Agrarsektor, wo die Niederlande weltweit führend sind. Indien hofft, von niederländischem Know-how in der Wasserwirtschaft und nachhaltigen Landwirtschaft zu profitieren.
Neben den wirtschaftlichen Themen spielen auch Sicherheitsfragen eine Rolle. Indien und die Niederlande haben gemeinsame Interessen an der maritimen Sicherheit im Indischen Ozean, insbesondere angesichts der wachsenden Präsenz Chinas in der Region. Beide Länder arbeiten in multilateralen Foren wie den Vereinten Nationen und der Welthandelsorganisation zusammen. Die Reise Modis unterstreicht die strategische Autonomie Indiens, das gleichzeitig seine Beziehungen zu den USA, Russland und der EU ausbalanciert.
Der Besuch in Schweden wird voraussichtlich auch die Zusammenarbeit in den Bereichen grüne Technologie und Innovation vertiefen. Schweden ist ein Vorreiter bei erneuerbaren Energien und Kreislaufwirtschaft. Indien hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt, bis 2030 500 Gigawatt erneuerbare Energiekapazität zu erreichen. Schwedische Unternehmen wie Ericsson, Volvo und IKEA haben bereits große Investitionen in Indien getätigt. Das Treffen beim European Round Table for Industry könnte neue Partnerschaften anstoßen, insbesondere in den Bereichen 5G, KI und Elektromobilität.
Der Indien-Nordländer-Gipfel in Oslo ist der dritte seiner Art, nach früheren Treffen in Stockholm und Reykjavik. Die nordischen Länder haben ein wachsendes Interesse an Indien als Partner für den Arktischen Rat und für Polarwissenschaften. Indien betreibt eine Forschungsstation in Spitzbergen und beteiligt sich an internationalen Initiativen zur Klimaforschung. Der Gipfel wird auch Gespräche über den Abbau von Handelshemmnissen und die Förderung von Investitionen umfassen. Die nordischen Länder sind bekannt für ihr hohes Innovationspotenzial, und Indien hofft, von diesem Ökosystem zu lernen.
Die letzte Station in Italien ist nicht zuletzt aufgrund der strategischen Bedeutung der Mittelmeerregion wichtig. Italien ist ein Tor zu Nordafrika und dem Nahen Osten. Der „Gemeinsame Strategische Aktionsplan“ mit Indien konzentriert sich auf Verteidigungskooperation, einschließlich gemeinsamer Militärübungen und Austausch von Geheimdienstinformationen. Zudem geht es um die Förderung legaler Migration, da viele indische Fachkräfte nach Europa ziehen. Italien hat auch Interesse an indischen Investitionen in den Häfen und Infrastrukturen des Landes. Der Besuch Modis wird voraussichtlich mit der Unterzeichnung mehrerer Abkommen enden.
Insgesamt zeigt Modis Reise die Vielfalt der indischen Außenpolitik, die gleichzeitig Wirtschaftsdiplomatie, Technologiepartnerschaften und Sicherheitskooperation umfasst. Indien profiliert sich als Brücke zwischen dem globalen Süden und den entwickelten Nationen. Die Reise unterstreicht, dass Indien seine Beziehungen zu Europa intensivieren will, um die strategische Partnerschaft auf eine neue Stufe zu heben. Die Europäische Union ist der drittgrößte Handelspartner Indiens, und das neue Freihandelsabkommen wird diese Bindung weiter stärken. Modi setzt auf persönliche Diplomatie, um das Vertrauen in indische Wirtschaft und Politik zu festigen.
Source: Yahoo News News