Elon Musk hat eine weitere juristische Niederlage erlitten. Seine Klage gegen OpenAI, die er im Sommer 2024 eingereicht hatte, wurde von einem Bundesgericht in Oakland mit großer Geschwindigkeit abgewiesen. Nach nur zwei Stunden Beratung entschied die Jury, dass die Vorwürfe nicht einmal inhaltlich geprüft werden müssten, da die dreijährige Verjährungsfrist bereits abgelaufen war. Musk hatte nachweislich schon 2021 von den Praktiken gewusst, die er nun als Grundlage seiner Klage anführte.
Der Ausgang des Verfahrens ist für OpenAI-CEO Sam Altman ein Befreiungsschlag von historischer Dimension. Drei Wochen lang musste er sich als Lügner, Machtmensch und prinzipiell unaufrichtiger Führungskraft vor Gericht vorführen lassen. Doch die Jury ließ sich nicht von den emotionalen Zeugenaussagen beeindrucken – sie entschied pragmatisch auf Basis der Verfahrensformalität. Altman kann nun ungehindert den Börsengang von OpenAI vorantreiben, der von Analysten auf bis zu einer Billion Dollar taxiert wird.
Die Vorwürfe im Detail
Musk hatte OpenAI und seine Mitgründer Sam Altman und Greg Brockman beschuldigt, die ursprüngliche Nonprofit-Mission des Unternehmens verraten zu haben. OpenAI war 2015 als gemeinnützige Organisation gegründet worden, um künstliche Intelligenz zum Wohle der Menschheit zu entwickeln. Später wurde eine gewinnorientierte Tochtergesellschaft gegründet, die inzwischen Milliarden von Investoren wie Microsoft eingesammelt hat. Musk argumentierte, dass dieser Schritt einen Vertrauensbruch darstelle und Altman sowie Brockman persönlich davon profitierten. Er forderte Schadenersatz in Höhe von rund 150 Milliarden Dollar, der in eine neue Stiftung fließen sollte, sowie die Rückgängigmachung der Umwandlung zur Profitgesellschaft.
Der Prozess bot ein seltenes Schauspiel: Private Tagebücher, Textnachrichten und E-Mails wurden öffentlich verlesen. Mira Murati, die frühere Cheftechnologin von OpenAI, die inzwischen ein Konkurrenzunternehmen leitet, beschrieb Altman als jemanden, der „einer Person etwas und einer anderen Person das genaue Gegenteil sagt“. Ilya Sutskever, Mitgründer und ehemaliger Chefwissenschaftler, bestätigte unter Eid, dass er dem Verwaltungsrat mitgeteilt habe, Altman zeige „ein konsistentes Muster des Lügens“. Das frühere Verwaltungsratsmitglied Natasha McCauley sprach von „wiederkehrenden Krisen“, die Altman durch seinen Führungsstil selbst erzeugt habe.
Musks Abwesenheit und die Ironie des Verfahrens
Musk selbst war beim Urteil nicht anwesend. Er hatte das Gericht bereits zuvor verlassen, um US-Präsident Donald Trump auf einer China-Reise zu begleiten – obwohl ihn Richterin Yvonne Gonzalez Rogers ausdrücklich zur Verfügbarkeit als Zeuge verpflichtet hatte. Sein Anwalt entschuldigte sich verlegen für die Abwesenheit des Mandanten. OpenAIs Chefanwalt William Savitt nutzte dies eiskalt in seinem Schlussplädoyer: „Herr Musk ist nicht hier. Meine Mandanten schon.“ Die Richterin fasste die Situation trocken zusammen: „Der gesamte Prozess ist eine gigantische Ironie.“ Musk, der OpenAI vorwirft, seine gemeinnützige Mission aufgegeben zu haben, führt mit xAI selbst ein gewinnorientiertes KI-Labor.
Die Ironie setzt sich fort: Während Musk die Rückkehr zum Nonprofit-Modell forderte, betreibt er mit xAI ein Unternehmen, das ebenfalls auf Profit ausgerichtet ist und zuletzt vom Raumfahrtkonzern SpaceX übernommen wurde. Auch xAI plant einen Börsengang. Der Prozess offenbarte eine tiefe Kluft zwischen öffentlicher Selbstdarstellung und privater Realität im Silicon Valley. OpenAI predigt Sicherheit und das Wohl der Menschheit, hatte aber bis vor Kurzem keine eigenen Mitarbeiter in der Nonprofit-Sparte. Altman kämpft für die Mission, während ehemalige Kollegen unter Eid erklären, er lüge systematisch.
Die Bedeutung des Urteils für die KI-Branche
Der Fall hätte weitreichende Konsequenzen haben können. Ein Sieg für Musk hätte nicht nur OpenAI, sondern auch andere Unternehmen mit ähnlichen Hybridstrukturen – wie etwa Anthropic – gezwungen, ihre Nonprofit-Dächer aufzugeben. Rechtsexperten sehen in der Entscheidung des Gerichts eine Stärkung von Unternehmen, die von einer Nonprofit-Gründung zu einer gewinnorientierten Gesellschaft übergehen. „Das Urteil bestätigt, dass eine Verjährung auch bei komplexen Sachverhalten greift. Das ist eine klare Botschaft an alle, die verspätet klagen“, erklärte die Richterin.
Für Microsoft, OpenAIs wichtigsten Partner und Mitangeklagten, ist das Urteil ebenfalls eine Erleichterung. Das Unternehmen erklärte trocken, die Fakten und die Chronologie des Falls seien „seit Langem klar“ gewesen. Microsoft-Chef Satya Nadella hatte während des Verfahrens als Zeuge ausgesagt und den Versuch des OpenAI-Boards, Altman 2023 zu feuern, als „Amateur-Veranstaltung“ bezeichnet. Die Krise, intern „the blip“ genannt, endete mit Altmans Wiedereinsetzung und dem Abgang nahezu aller, die gegen ihn gestimmt hatten.
Ausblick: IPO und Zukunft von OpenAI
Altman kann nun das tun, was er am liebsten tut: OpenAI weiter in Richtung eines Börsengangs führen, der zu den größten der Geschichte gehören könnte. Die Expansion des Rechenzentrennetzes wird auf mehrere Hundert Milliarden Dollar geschätzt. OpenAI muss jedoch beweisen, dass die gewaltigen Investitionen sich auch wieder hereinspielen lassen – nicht nur durch das Anheizen des Geschäfts für Hyperscaler wie Amazons AWS oder Microsofts Azure, sondern auch durch echte Produktivitätsgewinne für die Kunden.
Für Konkurrenten wie Googles DeepMind, Anthropic und Mistral bedeutet das Urteil: Der stärkste Rivale ist wieder voll im Rennen. Musk selbst verliert ein Instrument, um Altman zu schwächen. Sein eigenes KI-Unternehmen xAI steht vor strukturellen Problemen und kämpft um Investorengelder. Die Niederlage vor Gericht schwächt die Verhandlungsposition weiter. Der Prozess hat gezeigt, wie wenig die öffentliche Selbstdarstellung des Silicon Valley mit der privaten Realität seiner mächtigsten Akteure übereinstimmt. Die Grenze zwischen Idealismus und Eigeninteresse bleibt unscharf – und OpenAI muss nun bei seinem Börsengang vor Investoren beweisen, dass die Nonprofit-Mission mehr als nur eine Fassade ist.
Source: Wiwo News